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Welt-Adipositas-Tag 2022

„Everybody Needs to Act“

Heute ist Welt-Adipositas-Tag (World-Obesity-Day), der dieses Jahr mit dem Thema „Everybody Needs to Act“ («Jede/r muss handeln») gefeiert wird.

Heute ist Welt-Adipositas-Tag (World-Obesity-Day), der dieses Jahr mit dem Thema „Everybody Needs to Act“ («Jede/r muss handeln») gefeiert wird. Genau das finden wir auch. Es braucht Jeden und Jede, um den Kreislauf von Scham und Schuldzuweisungen zu durchbrechen und uns auf den Weg zur Bewältigung dieser komplexen und globalen Krankheit zu machen. Gemeinsam können wir es schaffen, diesen Menschen ein gesünderes und längeres Leben zu ermöglichen.

Ein Beitrag von Vanessa Brand, Ernährungsberaterin BSc

Übergewicht und mangelnde Willenskraft sind zwei verschiedene Paar Schuhe

Viele unserer Patientinnen und Patienten berichten, mit Aussagen wie: „Du musst nur weniger essen“ oder „Du musst dich nur bewegen“ konfrontiert worden zu sein. Vielleicht sogar so häufig, dass sie es inzwischen selbst glauben. Besonders in diesen Situationen ist es für uns Ernährungsberaterinnen wichtig, diesen Glauben und den Ursprung davon zu ändern. Aussagen wie: „weniger essen und mehr bewegen“ beinhalten, dass es bei der Gewichtsabnahme nur um Ernährung und Bewegung geht. Die Forschung ist diesem Glauben jedoch meilenweit voraus und erklärt, weshalb einige Menschen mehr zunehmen als andere, obwohl sie einen ähnlichen Lebensstil haben.

Wir haben für Sie nachfolgend in 11. Punkten verschiedene Ergebnisse aus Forschung & Wissenschaft zusammengestellt, um zu zeigen, wie komplex die Ursachen für Adipositas wirklich sind. Sie alle beweisen, wie wenig weit die Aussage «weniger essen und mehr bewegen» tatsächlich reicht und warum dieser Glaube für Betroffene schwere Folgen hat.

 

Es wurden zahlreiche Gene (Erbanlagen) identifiziert, die an der Gewichtszunahme, von krankhaftem Übergewicht beteiligt sind. Heutzutage wissen wir, dass unsere Gene zu 40 – 70 % für die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Übergewicht verantwortlich sind. Wenn eigene Familienmitglieder übergewichtig sind, so erhöht sich diese Wahrscheinlichkeit um zwei- bis achtmal.

Es gibt Mechanismen, die den menschlichen Körper vor dem Hungertod schützen. Verliert also ein Mensch an Gewicht, so treten hormonelle Veränderungen auf, die den Appetit steigern, während gleichzeitig die Stoffwechselrate verlangsamt wird. Für das Überleben ist dieser Mechanismus eine sinnvolle Hilfe. Für übergewichtige Menschen in einer Diätphase birgt es jedoch Risiken. Hinzu kommt, dass diese hormonellen Veränderungen oftmals jahrelang anhalten. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die eine langfristige Betreuung erfordert. Eine weitere wichtige Rolle spielt das Umfeld von Betroffenen. Es muss ebenfalls verändert werden, ansonsten sind Betroffene weiterhin denselben Risiken ausgesetzt und müssen wahrscheinlich langfristig mit ihrem Übergewicht leben.

Ohne Zugang zu geschultem medizinischem Fachpersonal werden die meisten adipösen Menschen, ihr Ziel nicht erreichen. Aus diesem Grund ist Übergewicht in ärmeren und anfälligeren Bevölkerungsgruppen besonders weit verbreitet. Auch der sozioökonomische Status, also die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung eines Menschen, führen zu erheblichen Ungleichheiten. Beispielweise ist das Risiko, übergewichtig oder adipös zu sein, bei Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen um mindestens 50 % höher.

Die Vermarktung von Lebensmitteln steht bekanntermassen mit Übergewicht in Verbindung. Ultrahoch verarbeitete Lebensmittel, die heute überall auf der Welt zu finden und vor allem in unserer westlich geprägten Gesellschaft unbegrenzt verfügbar sind, tragen zum raschen Anstieg des Übergewichts bei. Einige Beispiele für solche Lebensmittel sind z. B. kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke, Backwaren, Snacks, zusammengesetzte Fleischprodukte oder vorgefertigte Tiefkühlgerichte. Die Lebensmittelindustrie ist ständig auf der Suche nach Innovationen, die uns dazu bringen sollen, mehr zu essen. Ein Beispiel sind Fertiggerichte welche meist viel Zucker, Salz und Fette enthalten.

Gewisse Medikamente können eine Gewichtszunahme fördern oder eine Gewichtsabnahme verlangsamen. Dies ist der Fall bei bestimmten Antidepressiva und Antiparkinsonmitteln, Neuroleptika und Kortikosteroiden. Aber auch andere Substanzen können problematisch sein. Forschungen der letzten Jahre weisen darauf hin, dass bestimmte Chemikalien, die in unserer Umwelt vorkommen, für Übergewicht verantwortlich sein können. In Verdacht stehen Chemikalien in Kunststoffen wie z. B. Bisphenol A und Phthalate.

Weitere wichtige Faktoren in Bezug auf die Entstehung von Adipositas sind Schlaf und Stress. Die Auswirkungen von Schlafmangel und Stress sind sogar grösser als die der Nahrungsaufnahme oder des Bewegungsmangels. Bei einer Schlafdauer von weniger als 5 Stunden pro Nacht erhöht sich das Risiko für Übergewicht um 60 %. Bei einer Schlafdauer von weniger als 6 Stunden erhöht sich das Risiko um das Vierfache im Vergleich zu einer Schlafdauer von mehr als 7 Stunden. Auch Stress kann zu Übergewicht führen.

Die psychische Gesundheit eines Menschen spielt in vielen Bereichen des Lebens eine grosse Rolle. Adipositas kann mit Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Essanfällen einhergehen. Die Ursachen dieser Erkrankungen haben viele Faktoren als Grund. Auch Symptome einiger psychischer Störungen und die damit verbundenen Medikamente (Antidepressiva) können zu einer Gewichtszunahme führen. Wichtig ist in solchen Fällen, eine umfassende psychiatrische Abklärung und Behandlung der individuellen Leiden der Patientinnen und Patienten.

Frühe Belastungen und Ereignisse im Leben, einschliesslich vorgeburtlicher Erfahrungen können das Risiko für Adipositas ebenfalls erhöhen. Es wurden sechs pränatale (vorgeburtliche) Risikofaktoren ermittelt:

  • Rauchen der Mutter
  • Diabetes und/oder Übergewicht der Mutter
  • übermässige Gewichtszunahme während der Schwangerschaft
  • Wachstumsdefizit oder -überschuss des Fötus
  • ungünstiger sozioökonomischer Hintergrund

In bestimmten Phasen des Lebens (Bsp. Schwangerschaft, Wechseljahre) können hormonelle Veränderungen auftreten, die das Risiko für eine Gewichtszunahme erhöhen. In den Wechseljahren führt ein Rückgang der Ausschüttung von Östrogen und Progesteron (weibliche Sexualhormone) zu einem gestörten Fettstoffwechsel. Diese Störung wiederum führt zu einer vermehrten Einlagerung von Bauchfett. Hinzu kommt im Alter die zunehmende Abnahme der Muskelmasse, was den Energieverbrauch verringert. Darüber hinaus wirken sich hormonelle Veränderungen beim Altern ebenfalls auf das Gewicht aus.

Gewichtsdiskriminierung und Stigmatisierung haben meist erhebliche Folgen für betroffene Menschen. In vielen Ländern werden Sie allein für ihre Krankheit verantwortlich gemacht. Dies kann das psychische und körperliche Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen und davon abhalten, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. Ein Kreislauf, den viele nicht schaffen zu durchbrechen und eine Aufgabe, welche allein kaum zu bewältigen ist.

Obwohl Adipositas im Jahre 1948 in die 6. internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) aufgenommen wurde, ist sie mehr als sieben Jahrzehnte später gesellschaftlich noch immer nicht vollständig akzeptiert. Auch eine wachsende Zahl von Organisationen und Ländern anerkennen Adipositas als eine Krankheit, viele tun dies jedoch noch immer nicht.

Die vollständige Anerkennung von Adipositas als Krankheit ist notwendig weil:

  1. Menschen ermutigt werden, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  2. Vorurteile und Stigmatisierung abgebaut werden können.
  3. Die Ausbildung von Gesundheitsberufen zur Prävention und zum Umgang mit Adipositas gefördert werden.
  4. Investitionen in die Adipositasforschung und Behandlung gut begründet werden können.

All diese genannten Faktoren haben neben der Ernährung und Bewegung einen wichtigen Einfluss auf die Gewichtsentwicklung. Die Krankheit Adipositas ist höchst komplex und so individuell wie wir Menschen selbst es sind. Es liegt uns daher am Herzen, aufzuklären und falsche Denkweisen zu beseitigen. In der Ernährungsberatung geht es deshalb um viel mehr als nur das Thema „Essen“. Wir suchen die individuellen Einflussfaktoren und gemeinsam mit Betroffenen nach ihrem individuell richtigen Weg für eine gesündere Zukunft.

Nehmen Sie diese Erkrankung ernst und helfen Sie mit, diese zu behandeln. Die beste Zeit für ein Umdenken ist jetzt!

„Everybody Needs to Act“

Für eine umfassende persönliche Beratung lassen Sie bitte einen Termin in unserer Sprechstunde vereinbaren, am besten über ihren Hausarzt.

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